Gallerie – Gigathlon Bergell–Zürich 3. + 4. Juli '04
Bergell – Zürich, 416km, 8000 Höhenmeter, 2 Tage, (33 Std.)
Teilnehmer: Anton Trummer
Betreuer: Walter Thierstein, Walter Wieland
Sponsoren: Veloschöpfli Zürcher
Reisetag:
Morgen 10 Uhr, 3 Velos und sehr viel Material werden in das grosse Auto von Walter Thierstein geladen. Für jede der 10 Etappen verpackte ich meine Sachen in einen Sack, und schrieb es für meine Betreuer gut an. Nach einer langen Autofahrt durch den Gotthard ins Tessin, San Bernardino, Splügenpass und über Italien kommen wir im Bergell an. Auf dieser Reise gilt für mich immer wieder, Teigwaren und Flüssigkeit in mich zu pumpen!
Nach dem Material fassen stellen wir unser Zelt in der riesigen Zeltstadt auf und überprüfen unser Material noch einmal sorgfältig.
Der Abend wird für mich dann noch sehr lange, habe ich doch noch eine Migräneattacke zu überstehen. Um ca. 11 Uhr Abends, nach dem Briefing, beziehen wir für kurze Zeit unsere Schlafsäcke. Schlafen kann ich eigentlich nicht, fegt doch die ganze Nacht ein kräftiger Wind über die Zelte. Um 4.30 Uhr beginnt der Wettkampftag, beim Aufstehen nehme ich fast das ganze Zelt mit, was die Betreuer schon mal so richtig durchschüttelt. Nach einem ergiebigen Morgenessen, und dem obligaten Toilettenbesuch, überprüfe ich noch einmal mein Velomaterial und meine Verpflegung.
Die beiden Walters verlassen das Bergell Richtung Splügenpass, während ich mich langsam in den Startraum begebe.
1. Etappe:Bergell- Sils iD Rennvelo 94km 1400 Höhenmeter (Start 6.00 Uhr)
Endlich stehe ich am Start, allerdings mit gemischten Gefühlen!
Was erwartet mich auf dieser langen Reise, habe ich genug trainiert, habe ich alles Material verpackt, werde ich wohl das Ziel in Zürich erreichen, u.s.w., u.s.w.......?
Ein sehr eindrücklicher Moment steht uns nun bevor! 3 Minuten vor dem Start wird der Lautsprecher für kurze Zeit ausgeschaltet und dann beginnt der Titelsong von Betti Legler vom letzten Gigathlon. Es läuft mir kalt den Rücken runter, Augenwasser kann ich auch nicht mehr zurück halten. Der Start erfolgt nach Beendigung dieses Eindrückligen Songs!
Ohne Hetzerei zieht sich das Feld auf den Malojapass langsam in die Länge, gilt es doch den ganzen Tag (ca.18Std) gut einzuteilen.
Nach 55 Min erreiche ich den Malojapass, was nach meiner Marschtabelle 5 Min besser ist. Das ist schon der erste Aufsteller! Leider gibt es gleich einen kleinen Dämpfer, bläst doch das ganze Engadin hinunter nach La Punt ein kräftiger Gegenwind. Als jetzt in Pontresina die erste Gruppe der Mannschaften, angeführt von Thomas Frischknecht, die eine halbe Stunde nach uns starteten, an mir vorbei jagen, ist es schon hart alleine im Gegenwind.
Dabei haben die Einzelkämpfer noch das Handicap, dass im Gegensatz zu den Mannschaften, Windschattenfahren verboten ist. Der Albulapass ist angenehm zu fahren, kühler Wind, leider von der falschen Seite! Die lange Abfahrt wird natürlich auch vom Winde gebremst, was mich aber nicht daran hindert, meine Marschtabelle nach ca. 4Std Fahrzeit ins Sils einzuhalten.
Zeit: 4.03 Std
2. Etappe: Sils iD – Flims Bike 99km 2700 Höhenmeter
Walter 1 nimmt mein Rennvelo, Walter 2 gibt mir mein Bike und drückt mir noch ein paar Stengel und Trinkpulver in die Hand und schon beginnt die lange Bikestrecke. Die ersten 48km sind eigentlich angenehm zu fahren, Steigungen wechseln sich ab mit kurzen Abfahrten. Bei km 15 komme ich mit einem Biker einer Mannschaft ins Gespräch und wie es manchmal so geht, kreuzen sich unsere Wege immer wieder auf den restlichen 85km.
Das Safiental zieht sich sehr in die Länge, nach meinem Gefühl glaube ich, dass das Talende jetzt gleich erreicht sein sollte, da kommt eine Tafel 12km bis Thalkirch!
In Thalkirch (Verpflegungsposten) beginnt jetzt die Strecke erst richtig hart zu werden. Rund 750 Höhenmeter auf einem Bergweg müssen mit mühsamen Fahren und Veloschieben bezwungen werden, bevor der Tomülpass 2412 m erreicht wird. Über einige Schneefelder geht es in die lange Abfahrt nach Vals. Langsam ahne ich, dass mein Fahrplan auf dieser Bikestrecke bei weitem nicht eingehalten werden kann. Veloschieben in der Abfahrt über heikle Steinpassagen ist angesagt, dazu bläst natürlich das ganze Valsertal hinaus wieder ein kräftiger Gegenwind!
In Ilanz km 84 beginnt jetzt noch der Aufstieg zum Etappenort Flims. Auch mein Gesprächskollege trifft sich wieder mit mir, er ist ziemlich kaputt und fragt mich, ob es mir gleich sei, wenn er in meinem Windschatten fahren würde?
Eine Schrecksekunde oder Minute erlebe ich ca. 5 km vor Flims, da ich in ein Loch fahre und sich der Wechsler im Hinterrad verhedert. Das ist das Aus ist mein Gedanke!
Wie durch ein grosses Wunder renkt der Wechsler nach langem hantieren und biegen wieder einigermassen in die richtige Lage zurück. Nach langen 5 km, ich glaube die Streckenbauer haben in Flims noch jeden Weg und jede Steigung ausgesucht, komme ich doch etwas erschöpft in die Wechselzone zum Schwimmen. Trotz gutem Biken beträgt die Verspätung auf meine Marschtabelle 1 ½ Std, da wird mein Kopf jetzt schon etwas gefordert.
Zeit: 7.26 Std
3 Etappe: Flims – Caumasee Schwimmen 1,5km (keine Höhenmeter!)
Ob das wohl gut geht, nach 11½ Std. im kalten Wasser schwimmen?
Während des anziehen des Neoprenanzuges beruhigt mich ein Kollege, dass das Wasser eine angenehme Temperatur hat. Beim Einstieg ins Wasser über steinigen Untergrund habe ich mir noch ein wenig den Fuss aufgeschnitten (Scheisse). Das Schwimmen wird dann aber eine richtig angenehme Sache. Nach gutem Schwimmen, für meine Begriffe, steige ich richtig frisch aus dem Wasser in die Wechselzone. Für meine Betreuer bin ich wohl zu schnell geschwommen, irre ich doch einige Zeit wie ein gehetztes Reh in der Wechselzone herum und suche nach meinen Betreuern!
„I chumä ja“ meint Wält. Zeit: 43 Min
4. Etappe:Flims - Bad Ragaz Laufen 40km 1000 Höhenmeter
Frisch geduscht (Schwimmen) geht’s jetzt auf die lange Laufstrecke. Nach dem Streckenprofil sind die ersten 12km nur abwärts, was aber nicht zutrifft. Die Strecke ist vollgespickt mit vielen Gegensteigungen und mit Wurzeln gespickten Wegen, was auch von meinem Betreuer auf dem Bike einiges abverlangt!
In Tamins beginnt jetzt der steile Aufstieg zum Kunkelspass (700 Höhenmeter) , was auch Wält zum Schwitzen bringt. Auf dem Pass ist etwas Verpflegung angesagt. Dabei will ich noch einen kleinen Stein aus meinem Turnschuh entfernen, dieser Stein entpupt sich aber als die kleine Schnittwunde vom Schwimmen herrührend. Also Schuhe anziehen und weiter wie nichts geschehen wäre. Ein kalter Wind kühlt mich nach dem langen Aufstieg schnell ab, was mich veranlasst, mich bei meinem Betreuer mit einer warmen Jacke einzudecken. Leider hat der Betreuer Wält nur eine Jacke bei sich, so dass er die nächsten 3Std ohne Jacke auf dem Bike neben mir her fröstelt. Das Bergablaufen macht sich jetzt auch noch bemerkbar, so dass ich auch noch schnell in den Büschen verschwinden muss! Mit etwas weniger Körpergewicht und leichtabfallenden Wegen geht’s Richtung Bad Ragaz. Bei schwindenden Kräften und zunehmender Dunkelheit muss ich nun einige Kilometer marschieren. Dabei geht mir und Wält einiges durch den Kopf (Kontrollschluss etc.). Nach langem Kopfzerbrechen sagt mein Kopf: Schlag wieder eine schnellere Gangart an. Dies wird aber in der Taminaschlucht noch etwas gebremst. Bei Dunkelheit und nur Licht von Wält’s Velo müssen steile Treppen in die Schlucht hinunter überwunden werden. Die letzten drei bis vier km kann ich noch relativ zügig zurücklegen.
Zeit: 5.39 Std
5. Etappe: Bad Ragaz – Walenstadt Inline 22km
ach kurzem Wechsel auf die Inline, geht’s mit Stirnlampe auf die letzten 22km zum Tagesziel Walenstadt. Was auf dem Papier als lockeres Auslaufen hätte werden sollen, entpuppt sich als ein anstrengendes ,auf rauem Belag, in der Dunkelheit herumtorkeln.
Etwas erschöpft, aber glücklich erreiche ich Walenstadt. Bevor ich mich um ca. 2.30 Uhr in den Schlafsack für 2Std. zur Ruhe lege, muss ich meine leeren Batterien mit Kohlenhydraten nachfüllen und mit einer warmen Dusche erfrischen!
Zeit:1.31 Std
2. Tag
Nach sehr kurzer Nacht schleppe ich mich um 5 Uhr wieder aus dem Schlafsack. Wenn mir jemand gesagt hätte, der 2. Tag finde nicht mehr statt, ich hätte sofort unterschrieben. Nach sortieren meiner Knochen bewege ich mich langsam zum Frühstückstisch. Mit einem starken Kaffee muss ich mich erst einmal etwas aufmöbeln, bevor ich eine grössere Ration Kohlenhydrate zu mir nehmen kann.
6. Etappe: Walenstadt – Unterterzen Schwimmen 3,5km
Langsam kommt doch wieder so etwas wie Rennfieber auf. Um 6.45 Uhr fällt der Startschuss im kalten Walensee. Nach Anlaufschwierigkeiten (Probleme mit der Schwimmbrille) finde ich doch auch langsam meinen Rhythmus. Die Strecke ist mit Bojen alle 500m markiert, so dass ich mich etwas besser auf die langen 3,5km einstellen kann.
Das kalte Wasser macht sich doch langsam bemerkbar. Trotz Neoprenanzug wird es immer kälter, so dass ich halb erfroren aus dem Wasser steige.
Zeit: 1.37 Std
7. Etappe: Unterterzen – Mollis Inline 20km
Nach kurzem Warmlaufen, nach dem kalten Schwimmen, finde ich schnell für mich einen guten Tritt.
Es kommt richtig Freude auf, auf der für uns gesperrten Autobahn hänge ich mich einer Frau einer Mannschaft an, die ich bis ins Ziel als Lokomotive „missbrauche“. Zeit: 1.15 Std
8. Etappe: Mollis – Arth- Goldau Rennvelo 65km 1350 Höhenmeter
Einige flache Kilometer einfahren, bis ein steiler Aufstieg zum Klöntalersee beginnt. Als Einzelkämpfer mitten in den Mannschaften fahren, stellt mich richtig auf.
Ich denke langsam daran, dass ich das Ziel in Zürich erreichen könnte, obwohl noch 130 beschwerliche Kilometer fehlen. Nach einer wunderschönen Fahrt dem Klöntalersee entlang beginnt die Steigung zum Pragelpass. Eine sehr schöne Gegend, um einigen Positiven Gedanken nachzugehen. Schönes Wetter, fühle mich gut, mein Knie hält immer noch, andere Wettkämpfer leiden mehr als ich etc...
Der Pragelpass ist erreicht, keine Zeit mehr zum Träumen. Die schnelle Abfahrt auf schmaler Strasse erfordert höchste Konzentration. Im Muotathal übersehe ich fast meine Familie, die sich am Strassenrand sehr lautstark bemerkbar machen muss. Auf den letzten 30km, leicht abfallend mit kleinen Gegensteigungen zischen wieder einige Mannschaftsgruppen an mir vorbei. Meine Gedanken: „Windschattenfahren kann ja jedä Löl“. Mein Aufsteller ist, immer wieder meine Familie am Strassenrand.
Zeit: 3.46 Std
9. Etappe: Arth- Goldau – Samstagern Bike 40km 1300 Höhenmeter
„Oh super, auf einem andern Velosattel fährt sich’s wieder besser. Das Streckenprofil zeigt nach oben, tatsächlich geht’s aber zuerst rasant nach unten. Jetzt beginnt ein langer, sehr steiler Aufstieg auf den Rossberg (600 Höhenmeter). Da ich auf der Teerstrasse alles im Wiegetritt fahre, ist das gute oder bessere Gefühl vom Velosattel dahin. Die Abfahrt nach Unterägeri ist für mich kein Problem. Der Aufstieg auf den Gottschalkenberg scheint nicht mehr so schlimm zu sein. Die Streckenbauer bringen es aber doch noch fertig, diesen Berg von 3 Seiten her zu befahren, bevor es in einer schnellen Abfahrt zum Etappenziel in Samstagern geht. Zeit: 3.08 Std
10. Etappe:Samstagern – Zürich Laufen 31km 250 Höhenmeter
Eigentlich in einer guten Verfassung, wechsle ich unter einem schattenspendenden Sonnenschirm mein Tenu für die Laufstrecke. Betreuer Wält meint zu mir, das Ziel in Zürich ist in Sichtweite , was mich aber nicht aus den Schuhen haut, liegt doch ein hügeliges Gelände vor mir. Das Auf und Ab, kreuz und quer durch diese hügelige Landschaft zerrt doch langsam an meinen Kräften. Die Kilometertafeln, die alle 5km sind, werden immer länger und länger. Ein fehlen einer 5km Tafel bringt mich langsam zum Verzweifeln!! Ein Kopfrechnen beginnt wieder . Wält muntert mich aber immer wieder auf. Einige Kilometer Marschieren und ein Versuch, doch noch leicht zu traben, komme ich müde und glücklich ins Ziel.
Zeit: 4.13 Std
Gesamtzeit: 33.26 Std
Rang: 94
Gestartet: 160
Klassiert: 106
Nach kurzem Hinsetzten helfen mir meine Begleiter wieder auf die Beine. Gestärkt nach einem sehr langsamen Nachtessen, steht noch eine lange Autofahrt nach Hause bevor. Nach 4Std. Schlaf stehe ich am Montag um 7 Uhr wieder an meinem Arbeitsplatz in Bern.
Fazit: Der Gigathlon war für mich eine grosse Erfahrung.
7 Monate lang hatte ich mich auf dieses Abenteuer vorbereitet, dabei stiess ich schon im Training an meine Limiten.
Im letzten Monat hatte ich wegen Knieproblemen nur beschränkt, und sehr langsame Trainings machen können. Dabei kamen bei mir grosse Zweifel auf, dass ich diese grosse Distanzen schaffen würde!
Nun bin ich sehr glücklich, dass ich das Ziel in Zürich erreicht habe!!!
Danken möchte ich allen die mich bei diesem Abenteuer unterstützt haben.
Grossen Dank meinen Betreuern
Walter Thierstein
Walter Wieland
meiner Familie
Veloschöpfli Zürcher |